Wie Vielfalt unser Zusammenleben prägt 

Religion und Glaube sind für viele Menschen etwas sehr Persönliches. Sie geben Orientierung, Halt und prägen den eigenen Alltag. Gleichzeitig zeigen sie sich auch im öffentlichen Leben: in Gemeinden, in Schulen, im sozialen Engagement und in der Nachbarschaft. Religion ist damit immer auch Teil davon, wie Menschen im Kiez zusammenleben. Gerade in Berlin-Mitte wird diese Vielfalt besonders sichtbar. Hier treffen unterschiedliche religiöse und weltanschauliche Überzeugungen aufeinander und prägen das Leben im Bezirk.  

An meinem Thementag Religion habe ich verschiedene Einrichtungen und Gemeinden besucht und vor allem eines gemacht: zugehört. Was bewegt die Menschen vor Ort? Welche Rolle spielt Religion in ihrem Alltag? Und was braucht es politisch, damit ein respektvolles Miteinander selbstverständlich bleibt? 

Jüdisches Leben sichtbar machen und schützen 

Meine erste Station war das Jüdische Gymnasium Moses Mendelssohn. Hier gehört jüdische Kultur selbstverständlich zum Alltag und genau das macht die Schule für viele Schüler*innen zu einem wichtigen Schutzort. Der Schulleiter berichtet, dass die Nachfrage nach Schulplätzen steigt. Viele Familien suchen gezielt einen Ort, an dem ihre Kinder sich sicher fühlen und ihre jüdische Identität offen leben können.  

Gleichzeitig ist die Schule kein geschlossener Raum: Jüdische und nicht-jüdische Schülerinnen lernen hier gemeinsam, tauschen sich aus und setzen sich im Unterricht aktiv mit unterschiedlichen Religionen auseinander. In einer Klasse, die ich besuche, sprechen die Schülerinnen gerade über eine „Glaubens-WG“, ein Videoformat, in dem Menschen verschiedener Religionen zusammenleben und voneinander lernen. 

Was mir besonders hängen bleibt: Viele Schüler*innen beschreiben ihr Jüdischsein nicht zuerst über Rituale, sondern über Werte. Verantwortung füreinander zu übernehmen, das Gute im anderen zu sehen und ein respektvolles Miteinander; das sind die Dinge, die sie prägen. 

Soziale Arbeit, die oft unsichtbar bleibt 

Im Berliner Büro der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland wurde deutlich, wie viel institutionalisierte Sozialarbeit auch hinter religiösem Leben steht. Ähnlich wie bei anderen Religionsgemeinschaften übernimmt die jüdische Wohlfahrt Verantwortung für ihre Mitglieder und bietet beispielsweise Ferienangebote für Jugendliche an oder unterstützt ältere Menschen im Alltag. 

Ein Thema, das mich besonders beschäftigt hat, ist die Altersarmut unter jüdischen Senior*innen. Viele sind in den 90er-Jahren nach Deutschland gekommen, oft aus der ehemaligen Sowjetunion. Ihre Arbeitsjahre wurden hier häufig nicht anerkannt, mit der Folge, dass viele heute mit sehr wenig Geld im Alter leben. 

Das ist mehr als ein soziales Problem. Es geht auch um die Frage, wie wir mit Lebensleistungen umgehen, die nicht in unser Rentensystem passen. Menschen, die jüdisches Leben in Deutschland mit aufgebaut haben, dürfen im Alter nicht in Armut leben. Hier braucht es Lösungen, die Brüche in den Erwerbsbiografien besser berücksichtigen, damit niemand durchs Raster fällt. 

Ein Tempel als offener Ort mitten in der Stadt 

Als nächstes ging es für mich zum Fo-Guang-Shan Tempel. Mitten in Berlin ist der Tempel ein Ort der Ruhe und Meditation. Mit viel Hingabe und ehrenamtlichen Engagement wird hier buddhistische Kultur gelebt. Gleichzeitig ist der Tempel ein kultureller Anziehungspunkt im Bezirk. Schulklassen, Besucher*innen und Nachbar*innen kommen hierher, um mehr über den Buddhismus zu erfahren oder einfach einen Moment der Ruhe zu finden. 

Im Tempel steht ein großer hölzerner Fisch. Warum? Die Weisheit dazu lautet: Ein Fisch schließt niemals seine Augen, auch wenn er schläft. Er sieht immer die Ungerechtigkeiten und nimmt sie nicht hin. Der Gedanke ist mir an dem Tag oft begegnet ist: aufmerksam sein für andere, Mitgefühl zeigen und das eigene Handeln daran ausrichten, dass es auch anderen gut geht. Etwas das wir alle stärker in unseren Alltag mitnehmen können. Mit offenen Augen durchs Leben gehen und nicht wegschauen, wenn andere unsere Unterstützung brauchen. 

Kirche im Kiez: Gemeinschaft ganz konkret 

Die Baptistenkirche im Wedding ist nah am Alltag im Kiez. Neben Gottesdiensten gibt es hier ganz konkrete Angebote – zum Beispiel einen Winter-Spielplatz, auf dem Kinder toben und Eltern ins Gespräch kommen können. Für viele ist das Highlight die Kletterwand mitten im Raum. Hier können sich auch die Kleinsten ganz niedrigschwellig im Klettern üben.  

Solche Orte sind für viele Familien im Kiez enorm wichtig. Gemeinde bedeutet hier vor allem Gemeinschaft: füreinander da sein, Menschen unterstützen und Räume schaffen, in denen sich Menschen begegnen können.  

Ein langer Tisch auf dem Leopoldplatz 

Zum Abschluss des Tages war ich beim Kieziftar am Leopoldplatz. Hunderte Menschen mit ganz unterschiedlichen Hintergründen sind hier zusammengekommen und haben an einer langen Tafel gemeinsam das Fasten gebrochen. Es gab Datteln, Reis, süßes Gebäck, Suppen und Salate und vor allem eine offene, einladende Atmosphäre. 

Besonders eindrücklich war das multireligiöse Gebet vor Sonnenuntergang: Es wurde christlich, jüdisch und muslimisch gebetet. Ein Moment, der nicht nur die Vielfalt im Kiez sichtbar macht, sondern auch zeigt, wie wichtig es ist, wenn verschiedene Menschen zusammenkommen und sich auf das Gemeinsame besinnen. 

Vielfalt, die verbindet 

Dieser Thementag hat mir noch einmal deutlich gemacht, wie vielfältig religiöses Leben in Berlin-Mitte ist. Unterschiedliche Traditionen und Perspektiven prägen den Alltag und gleichzeitig entsteht an vielen Orten etwas Verbindendes. 

Religiöse Gemeinschaften leisten einen wichtigen Beitrag für unsere Stadt. Sie schaffen Räume für Begegnung, unterstützen Menschen im Alltag und tragen dazu bei, dass unser Zusammenleben funktioniert. Und genau davon profitieren wir alle. Vielfalt ist nichts, was uns trennt, sondern eine Stärke, die unseren Bezirk lebendig macht und unser Zusammenleben bereichert.