Zwischen Trauer, Widerstand und Queer Joy
Berlin ist bunt. Und queeres Leben gehört zu unserer Stadt. Doch der Anschlag auf den Berliner CSD im Juli hat auf grausame Weise gezeigt, wie bedroht diese Freiheit ist. Gleichzeitig erleben queere Menschen auch im Alltag Anfeindungen und Diskriminierung. Und viele der Orte und Initiativen, die ihnen Rückhalt und Gemeinschaft bieten, müssen gerade um ihre Finanzierung kämpfen. Umso mehr beeindruckt mich, wie die queere Community jetzt zusammensteht, sich engagiert und sichtbar bleibt. Dafür braucht es viel Mut und Durchhaltevermögen.
Bei meinem Thementag „Queeres Leben“ wollte ich deshalb vor allem zuhören: Wie geht es den Menschen, die queeres Leben in Mitte gestalten? Was beschäftigt sie gerade und was brauchen sie? Ich habe viele Menschen getroffen und Orte kennengelernt, die sich die Community selbst geschaffen hat. Wir haben über Gewalt, fehlende Förderung und gleiche Rechte gesprochen. Aber auch viel gelacht und Ingwerlimo getrunken. Denn neben Trauer, Wut und Verunsicherung gab es an diesem Tag vor allem eines: ganz viel Queer Joy. 🌈
Wenn die Regenbogenflagge den Schulfrieden stört
Bildung und Prävention sind entscheidend, um Diskriminierung dort entgegenzuwirken, wo sie entsteht. Meine erste Station war deshalb QUEERFORMAT in der Villa Lützow. Die Fachstelle unterstützt Schulen und Kitas im Umgang mit queerer Vielfalt und bietet Fortbildungen für Lehrkräfte an. Was mir Hoffnung macht: An vielen Schulen gibt es engagierte Menschen, die aufklären und etwas verändern wollen. Die Fortbildungen sind regelmäßig ausgebucht, die Nachfrage ist so groß, dass QUEERFORMAT längst nicht alle Anfragen bedienen kann.
Gleichzeitig habe ich erfahren, dass an manchen Schulen schon eine Regenbogenflagge für Diskussionen sorgt, weil sie angeblich den Hausfrieden störe. Umso wichtiger sind klare gesetzliche Grundlagen, auf die sich Lehrkräfte berufen können. „Wenn es im Grundgesetz steht, ist das etwas anderes. Dann ist es keine freiwillige Entscheidung mehr, sondern ein staatlicher Auftrag“, erklärte mir eine Person aus dem Team. Ein weiterer Grund, warum wir den Schutz der sexuellen Identität endlich im Grundgesetz verankern müssen.
Eine Wohnung ist noch kein sicheres Zuhause
Wie eng Diskriminierung und Wohnungspolitik zusammenhängen, wurde mir bei meiner nächsten Station deutlich: GLADT ist eine Selbstorganisation von queeren Schwarzen Menschen und People of Color, die unter anderem Beratung bei Mehrfachdiskriminierung anbietet.
Auf dem Berliner Wohnungsmarkt ist es ohnehin schwer, eine bezahlbare Wohnung zu finden. Für queere Menschen, die zusätzlich Rassismus erfahren, kommt eine weitere Frage hinzu: Kann ich mich in meinem neuen Umfeld überhaupt sicher fühlen? Bei GLADT fiel dazu ein Satz, der mir besonders im Kopf geblieben ist: „Wenn jemand eine Zusage für eine Wohnung in Hellersdorf bekommt, dann hat die Person zwar eine Wohnung, kann sie aber nicht verlassen.“
Ein Ort zum Einfach-sein
Nicht alle queeren Jugendlichen erfahren zu Hause Verständnis oder Akzeptanz für ihre Identität. Auch in der Schule erleben viele Anfeindungen. Umso wichtiger sind Orte wie das Jugendzentrum Queerdom, an denen sie sich sicher und angenommen fühlen können. „Hier ist ein Safe Space. Hier kann ich einfach sein“, erzählte mir eine jugendliche Person.
Wie viel ihnen dieser Ort bedeutet, zeigt sich daran, dass manche sogar regelmäßig aus Brandenburg anreisen. Und einige kommen auch dann noch mittwochs zum Besuchstag, wenn sie eigentlich schon zu alt für das Queerdom sind. Denn Orte, an denen queere Jugendliche und junge Erwachsene einfach zusammenkommen können, ohne etwas konsumieren zu müssen, gibt es viel zu wenige. Das Queerdom ist bereits an fünf Tagen in der Woche geöffnet und die Jugendlichen wünschen sich trotzdem noch mehr. Für mich zeigt das, wie wichtig es ist, solche Angebote langfristig zu sichern und zu finanzieren.
Ein zweites Wohnzimmer im Wedding
Zum Abschluss ging es in die Curly Bar im Wedding – bei Ingwerlimo und Sapphic Riots. Fast hätte es diesen queeren Treffpunkt gar nicht mehr gegeben: Als die Bar schließen sollte, übernahmen fünf Freund*innen kurzerhand den Laden. „Wir wollten nicht, dass noch ein queerer Ort im Wedding einfach verschwindet“, erzählten sie mir. Heute betreiben sie das Curly neben ihren eigentlichen Jobs.
Wie wichtig dieser Ort für die Community ist, wurde im Gespräch schnell deutlich. „Das Curly ist mein zweites Wohnzimmer. Hier finde ich immer Menschen, mit denen ich mich austauschen kann“, sagte eine Person. Gleichzeitig ging es um den Wunsch nach mehr queerer Sichtbarkeit im öffentlichen Raum. Regenbogenfahnen und -bänke zeigen, dass queere Menschen willkommen sind und Politik und Verwaltung an ihrer Seite stehen. Warum also nicht auch eine Regenbogenbank auf dem Leopoldplatz?
Was nehme ich mit?
Der CSD-Anschlag beschäftigt die queere Community noch immer. Gleichzeitig habe ich an diesem Tag unglaublich viel Zusammenhalt, Engagement und Queer Joy erlebt. Menschen schaffen mit viel Herzblut Orte, an denen andere sicher und einfach sie selbst sein können.
Doch diese Verantwortung darf nicht allein bei der Community liegen. Es braucht politische Solidarität, die über Regenbogenflaggen hinausgeht: queere Orte langfristig absichern, queerfeindliche Gewalt bekämpfen und die sexuelle Identität endlich im Grundgesetz verankern. Damit queere Menschen in Mitte sicher, sichtbar und selbstbestimmt leben können.


