Was passiert mit einem Kiez, wenn die kleinen Läden verschwinden?
Was macht euren Kiez zu einem Ort, an dem ihr gerne lebt? Der Späti, an dem ihr eure Post abgebt? Der Bäcker für das Brot am Morgen? Oder die Apotheke um die Ecke? Viele dieser Orte haben eines gemeinsam: Sie sind Gewerbemieter*innen und deutlich schlechter geschützt als Menschen, die eine Wohnung mieten.
Was das ganz konkret für Mitte bedeutet, wollte ich bei meinem Thementag zu Gewerbemieten wissen. Denn kleine Läden verschwinden oft leise und mit ihnen Orte, die einen Kiez ausmachen. Deshalb habe ich Menschen besucht, die um ihre Räume kämpfen, sich andernorts neu aufbauen mussten und solche, die zeigen, dass bezahlbare Gewerberäume auch mitten in Berlin möglich sind.
Es geht auch anders: die WeiberWirtschaft
Los ging es in der WeiberWirtschaft. Mehr als 2.100 Frauen sind Mitglied der Genossenschaft, die mitten in der Stadt einen ganzen Gewerbehof betreibt. Hier zeigt sich, dass zentrale Lage und vergleichsweise bezahlbare Flächen kein Widerspruch sein müssen. Für Gründerinnen gibt es kleine Räume und vergünstigte Einstiegsmieten. Gleichzeitig entscheidet die Genossenschaft bewusst darüber, welche Unternehmen ins Haus passen. So ist über die Jahre eine ziemlich bunte Mischung entstanden.
Was mich dabei besonders beeindruckt hat, war aber etwas anderes: Die Unternehmerinnen haben immer wieder davon erzählt, wie wichtig es ist, nicht allein zu sein. Eine von ihnen hat es so beschrieben: „Wir geben uns einander Rückendeckung. Natürlich müssen wir alle unsere Läden schmeißen, aber emotional ist es ein Unterschied.“ Das Modell funktioniert so gut, dass es inzwischen ein neues Problem gibt: Die WeiberWirtschaft ist voll. Es gibt eine lange Warteliste und kaum jemand zieht aus, auch weil vergleichbare Räume anderswo schwer zu finden sind.
Opticus Prime: bedroht durch die Staffelmiete
Bei Opticus Prime begrüßen mich erstmal Katze Sansa und Iron Man. Überall im Laden stehen Filmfiguren und -requisiten aus der Sammlung von Inhaber Marcus Geßler. Dazwischen führt er ein Brillengeschäft, wie man es nicht mehr überall findet: Seine Stammkund*innen stehen noch auf Karteikarten, beraten wird persönlich und die Brillen werden direkt vor Ort gefertigt.
Doch die Miete steigt durch einen Staffelmietvertrag Jahr für Jahr. Marcus hat uns erzählt, dass er deshalb inzwischen keine Mitarbeiter*innen mehr beschäftigen kann. Geblieben ist – neben ihm selbst – nur noch Katze Sansa. Das zeigt etwas, das in der Debatte über Gewerbemieten leicht verloren geht: Steigende Mieten betreffen nicht nur einen Laden. Dahinter hängen auch Arbeitsplätze.
Was passiert, wenn ein Ort gehen muss?
Bei Asmir im Podrum Berlin in Moabit sieht man, was danach passieren kann. Heute verkauft er in der Wilsnacker Straße selbst hergestellte Spirituosen und andere Produkte. Früher hatte er in der Lehrter Straße deutlich mehr Platz und eine Bar, die nicht nur Gastronomie war, sondern auch ein Kulturort mit Konzerten und Lesungen.
Dann wurde die Miete drastisch erhöht. Asmir beschreibt diese Situation ziemlich knapp: „Dann ist es friss oder stirb. Entweder du zahlst oder du musst gehen.“ Er ist gegangen und hat an anderer Stelle kleiner weitergemacht. Auch das gehört zur Geschichte der Gewerbemieten: Ein Unternehmen verschwindet nicht unbedingt komplett. Aber vielleicht wird aus einem Ort, an dem Konzerte, Lesungen und Begegnungen stattfinden konnten, ein deutlich kleinerer Laden. Für den Kiez geht trotzdem etwas verloren.
Novalisstraße 13: Der Kiez kommt zusammen
In der Novalisstraße 13 war ich nicht zum ersten Mal. Seit der Ergotherapiepraxis von Nadja Schünemann und dem Lottoladen von Jana Bieselt gekündigt wurde, kämpft die Nachbarschaft dafür, dass beide bleiben können. „Die meisten Läden sterben leise. Mir war von Anfang an klar: Wenn wir gehen, machen wir das ganz bestimmt nicht leise“, sagt Jana mir.
Und genau das tun sie nicht: Sie sammeln Unterschriften, organisieren Demonstrationen und machen immer wieder auf ihre Situation aufmerksam. Ich begleite ihren Kampf von Anfang an. Auch wenn die Lage inzwischen ziemlich ausweglos wirkt, will ich noch nicht aufgeben. Solange es eine Chance gibt, dass Jana und Nadja bleiben können, kämpfe ich an ihrer Seite weiter.
Wenn aus Vielfalt langsam Eintönigkeit wird
Die Auguststraße ist bekannt für ihre Galerien, Ateliers und kleinen besonderen Läden. Genau diese Mischung macht die Straße aus und genau sie gerät zunehmend unter Druck. Bei Gallery Malina haben wir auch mit einer Schmuckdesignerin aus der Nachbarschaft gesprochen. Über 20 Jahre hat sie sich an ihrem Standort etwas aufgebaut. Als ein neuer Mietvertrag anstand, sollte die Miete plötzlich auf ein Vielfaches steigen. Für sie stand damit ihr ganzes Lebenswerk infrage.
Sie erzählen auch, wie viele langjährige Nachbar*innen inzwischen verschwunden sind: „Nach dem hundertsten Nagelstudio überlegt man sich irgendwann auch selbst, ob man hier noch bleiben möchte.“ Die Galerien und kleinen Geschäfte versuchen deshalb, zusammenzuhalten. Sie vernetzen sich, empfehlen sich gegenseitig und haben einen gemeinsamen Flyer herausgebracht.
Ein Raum ist manchmal viel mehr als ein Raum
Bei der letzten Station wird noch einmal ein grundsätzliches Problem deutlich: Auch soziale Einrichtungen sind Gewerbemieter*innen. Anders als ein Geschäft können sie steigende Kosten aber nicht einfach über höhere Preise auffangen. Im Stadtteilladen dialog 101 in der Luisenstadt teilen sich deshalb schon heute verschiedene Angebote einen Raum. Hier gibt es unter anderem ein Nachbarschaftscafé, ein Nähangebot und Nachhilfe. Gerade für ältere Menschen ist es wichtig, dass solche Angebote zentral im Kiez liegen und gut erreichbar sind. Wie es mit dem Stadtteilladen langfristig weitergeht, ist allerdings ungewiss. Und ein solcher Ort lässt sich nicht einfach irgendwohin verlegen: Die Menschen kennen ihn, können ihn zu Fuß erreichen und haben über Jahre Vertrauen aufgebaut.
Was nehme ich mit?
Wir wollen kleine Gewerbe sowie soziale und kulturelle Einrichtungen besser schützen, für mehr Planungssicherheit sorgen und bessere Daten zu Gewerbemieten und Leerstand schaffen.
An diesem Tag habe ich sehr unterschiedliche Orte gesehen. Aber immer wieder ging es um dieselben Fragen: Wie hoch ist die Miete? Wie lange kann ich bleiben? Und finde ich überhaupt einen passenden Raum? Wir Grünen haben deshalb gerade einen Antrag für ein faires Gewerbemietrecht in den Bundestag eingebracht.
Denn wenn kleine Läden, Galerien, Praxen und soziale Treffpunkte verschwinden, verliert nicht nur ein Gewerbe seinen Standort. Der ganze Kiez verändert sich. Und ich möchte, dass Mitte auch in Zukunft ein Ort bleibt, an dem nicht nur diejenigen Platz haben, die sich die höchsten Mieten leisten können.


