Das Ausbildungsjahr hat begonnen, das Wintersemester startet in wenigen Tagen. Erst kommt die Zusage für die Wunschausbildung oder den Traum-Studienplatz, doch dann die Absage vom Wohnungsmarkt. Wer keine Eltern hat, die finanziell unterstützen können, bleibt im Kinderzimmer, pendelt jeden Tag stundenlang oder kann die Ausbildung gar nicht erst antreten. Kein Zimmer, keine Chance. Für viele junge Menschen ist das die bittere Realität.
Wie angespannt die Lage ist, zeigen die aktuellen Zahlen:
- Studierende mit eigenem Haushalt geben im Schnitt 54 Prozent ihres Einkommens fürs Wohnen aus. Damit gelten zwei Drittel von ihnen als überlastet. Auszubildende zahlen rund 42 Prozent.
- Laut der neuen Auswertung des Moses-Mendelssohn-Instituts kostet ein WG-Zimmer im bundesweiten Vergleich rund 510 Euro. In Berlin wird ein mittleres Zimmer für mehr als 650 Euro angeboten, in München sogar für 850 Euro.
- Die BAföG-Wohnkostenpauschale beträgt derzeit 380 Euro. Leider greift die Erhöhung auf 440 Euro erst im April 2027, ein halbes Jahr später als angekündigt. Auch danach bleibt eine Lücke von durchschnittlich 70 Euro. Wer in München lebt, muss dann sogar 410 Euro draufzahlen.
- Azubis trifft es besonders hart: Die Mindestausbildungsvergütung liegt im ersten Jahr bei 724 Euro. Wer in Berlin ein WG-Zimmer für 650 Euro mietet, dem bleiben 74 Euro zum Leben im Monat.
- Bis 2040 fehlen rund 277.000 Wohnheimplätze, über 200.000 davon für Studierende. Für Auszubildende gibt es bundesweit nur etwa 20.000 Plätze, für Studierende mehr als zwölfmal so viele.
Die Bundesregierung hat im Koalitionsvertrag eine „WG-Garantie“ versprochen. Für die jungen Menschen, die gerade verzweifelt suchen, ist dieses Luftschloss leider ein schlechter Scherz. Zwar verdoppelt die Regierung das Programm Junges Wohnen im Jahr 2027 auf eine Milliarde Euro, doch das deckt den Bedarf bei Weitem nicht. Hinzu kommt, dass die Länder die Mittel auch für den allgemeinen sozialen Wohnungsbau einsetzen dürfen. In welchem Umfang das passiert, legt die Bundesregierung selbst auf unsere Kleine Anfrage hin nicht offen. Wie viele geförderte Plätze an Auszubildende gehen und wie hoch der Sanierungsbedarf der Wohnheime ist, erhebt sie ebenfalls nicht. Und die angekündigte Anlaufstelle für Azubi-Wohnen wirkt bisher eher wie eine Beratung für Unternehmen zum Mitarbeiterwohnen.
Deshalb haben wir einen Antrag zum Thema Junges Wohnen in den Bundestag eingebracht, in dem wir von der Bundesregierung fordern:
- Eine Wohnheim-Offensive: Bis 2030 sollen Bau und Sanierung von 100.000 Wohnheimplätzen für Studierende und Azubis gefördert werden. Dafür muss der Bund das Programm Junges Wohnen aufstocken und verstetigen, die Mittel zweckbinden und die Förderkonditionen verbessern.
- 1.000 Euro Azubistarthilfe: Auszubildende sollen wie Studierende eine Starthilfe bekommen, damit sie Kaution und Erstausstattung bezahlen können.
- Eine BAföG-Wohnpauschale, die die echten Mieten abdeckt: Sie muss sich am regionalen Mietniveau orientieren, zum Beispiel an den Stufen der Wohngeldverordnung.
- Schluss mit der Abzocke bei Untermieten und möblierten Zimmern: Gewinne durch Untervermietung gehören verboten, Untermieter*innen besser vor Kündigung geschützt. Der Möblierungszuschlag muss getrennt ausgewiesen und gedeckelt werden.
- Echte Unterstützung beim Azubi-Wohnen: Es braucht eine Beratungsstelle für Azubi-Wohnen mit 1,5 Millionen Euro im Jahr und neue Azubiwerke nach dem Vorbild von Hamburg und München.
Besonders Auszubildende werden beim Jungen Wohnen zu wenig mitgedacht. Dabei suchen Betriebe händeringend Fachkräfte. Wer mehr junge Menschen für eine Ausbildung gewinnen will, muss ihnen ein bezahlbares Zimmer bieten.
Chancengerechtigkeit beginnt auf dem Wohnungsmarkt. Wenn bezahlbarer Wohnraum fehlt, entscheidet der Geldbeutel der Eltern über Bildungs- und Aufstiegschancen. Es heißt, Lehrjahre seien keine Herrenjahre. Aber Lehrjahre dürfen auch keine Hungerjahre sein. Junge Menschen dürfen nicht länger die Verlierer*innen auf dem Wohnungsmarkt sein. Wer ihnen Wohlstand verspricht – wie Bundeskanzler Friedrich Merz–, muss sich daran messen lassen, ob sie sich ein eigenes Leben aufbauen können.
Meine Rede zum Thema Junges Wohnen im Bundestag könnt ihr hier ansehen.


