Zuhören statt nur darüber reden
Zu viel Lifestyle-Teilzeit, steigende Alltagskosten, ungleich verteilte Care-Arbeit – über Familien wird politisch aktuell viel gesprochen. Aber viel zu selten mit Familien. Zu oft bleiben Debatten abstrakt, während der Alltag ganz konkret organisiert und bewältigt werden muss. Denn im echten Leben bedeutet Familienalltag oft etwas ganz anderes. Da heißt es morgens um sieben, schauen, ob die Kita wieder geschlossen ist. Oder: Abends noch Unterlagen zusammensuchen, um finanzielle Unterstützung zu beantragen und hoffen, dass nichts fehlt.
Familienpolitik entscheidet sich nicht im Plenum, sondern im konkreten Alltag. Genau deshalb war ich in Berlin-Mitte unterwegs, um zu erfahren, was Familien in meinem Wahlkreis beschäftigt und wo sie konkrete Unterstützung von der Politik brauchen.
Pflegefamilien: Große Verantwortung, zu wenig Rückenwind
Eine politisch oft übersehene Familienform sind Pflegefamilien – Menschen, die Kindern mit einem schwierigen Start ins Leben Liebe, Stabilität und Sicherheit schenken. Im Gespräch mit den Gründer*innen der Stiftung Emmi LuebesKind, habe ich erfahren, wie viel Durchhaltevermögen und Kraft es braucht, diesen Weg zu gehen. Denn obwohl so viele Kinder, gerade auch in Berlin-Mitte, dringend auf Unterstützung hoffen, werden Pflegeeltern häufig zusätzliche Steine in den Weg gelegt: Fehlendes Wissen in Behörden, unklare Zuständigkeiten, komplizierte Abläufe. Zwar gibt es gesetzliche Regelungen, aber sie greifen nicht immer verlässlich.
Mein Learning aus diesem Besuch ist klar: Wenn wir wollen, dass mehr Familien bereit sind, Pflegekinder aufzunehmen, müssen wir die Rahmenbedingungen verbessern. Mehr Anerkennung, weniger Bürokratie, klare Verfahren und echte Planungssicherheit. Wer so viel Verantwortung übernimmt, darf vom System nicht zusätzlich ausgebremst werden.
Familienzentren: Alltagshilfe im Kiez
Bei meiner zweiten Station im Familienzentrum Wattstraße durfte ich gemeinsam mit Familien kochen und vor allem offen ins Gespräch kommen. Hier treffen sich Eltern und Kinder ganz unkompliziert, tauschen sich aus, finden Unterstützung und zahlreiche präventive Angebote. Eine Kinderärztin bietet regelmäßig eine Sprechstunde an, im Garten wird gemeinsam Gemüse gepflanzt, es wird gebastelt und gekocht. Genau solche niedrigschwelligen Angebote erleichtern den Alltag ganz konkret und schaffen Räume, in denen man merkt: Ich bin nicht allein.
Im Gespräch mit zwei Müttern wurde deutlich, wie sehr andere politische Themen in den Familienalltag hineinwirken: Es geht um Teilhabe, hohe Lebensmittelpreise und natürlich auch um den Mangel an bezahlbaren Wohnraum und erfolglose Wohnungsbewerbungen. Eine Mutter erzählte mir, wie sehr sie sich wünscht, ihrer Tochter einen eigenen Schreibtisch bieten zu können – aber schlicht der Platz fehlt.
Für mich ist klar: Familienzentren sind elementare soziale Infrastruktur. Oft stemmen wenige Stellen mit großem Einsatz diese wichtige Arbeit. Gerade deshalb darf hier nicht gespart werden. Diese Orte halten das soziale Netz im Kiez zusammen, sie brauchen verlässliche Finanzierung und langfristige Absicherung.
Lebenshilfe: Teilhabe braucht Verlässlichkeit
Meine letzte Station war die Lebenshilfe Berlin auf dem neuen Campus in der Böttgerstraße. Auch hier wurde schnell deutlich: Die finanzielle Situation ist angespannt, während die Anfragen steigen. Besonders beschäftigt hat mich die Situation von Familien mit Kindern mit Beeinträchtigungen. Viele wünschen sich einen inklusiven Bildungsweg, stoßen aber in der Praxis schnell an Grenzen. Zu wenig Schulassistenz, fehlende Fachkräfte, lange Wartezeiten. Teilweise bleiben Kinder zu Hause, weil Personal fehlt.
Viel hängt vom Engagement einzelner Eltern ab und von Schulen, die bereit sind, individuelle Lösungen zu finden. Gleichzeitig sind viele Familien isoliert und stark belastet. Für mich ist klar: Inklusion darf nicht am Kassenstand des Landes scheitern. Wir brauchen verlässliche Finanzierung, ausreichend Fachkräfte und eine echte Stärkung inklusiver Strukturen: In den Schulen, Ausbildung und Arbeitsmarkt. Teilhabe darf kein fragiles Versprechen sein.
Wer bei Familien kürz, spart am falschen Ende
Der Thementag hat mir noch einmal deutlich gemacht: Familien leisten jeden Tag Enormes; emotional, organisatorisch und finanziell. Und gleichzeitig stehen viele Familien unter enormem Druck. Wenn bei präventiver Sozialarbeit gespart wird, wenn Familienzentren um ihre Finanzierung bangen müssen oder wenn inklusive Strukturen nicht ausreichend ausgestattet sind, dann verschärfen wir Probleme, statt sie zu lösen. Wer hier kürzt, spart nicht, er verschiebt die Kosten nur nach hinten. Oft werden sie später größer, komplizierter und für alle teurer. Familienpolitik ist Zukunftspolitik. Wenn wir hier klug investieren, stärken wir nicht nur einzelne Familien, sondern den gesamten Bezirk. Wer bei Familien kürzt, spart am falschen Ende und gefährdet das, was unseren gesellschaftlichen Zusammenhalt ausmacht. Gleichzeitig ist es motivierend zu sehen, was Familien jeden Tag auf die Beine stellt und sie unseren Bezirk lebendig halten.


