Kleine Betriebe mit großer Bedeutung für den Kiez
Wenn wir über Wirtschaft in Berlin-Mitte sprechen, denken viele zuerst an Start-ups, Großraumbüros oder den Einzelhandel. Dabei gehören Manufakturen und kleine Werkstätten seit Jahrzehnten ganz selbstverständlich zum Kiezalltag. Sie prägen das Stadtbild, sind in der Nachbarschaft verankert und oft beständige Konstanten in einer sich schnell verändernden Stadt.
Hier wird entworfen, gefertigt und repariert – meist in kleinen, inhabergeführten Teams, nicht für den anonymen Massenmarkt, sondern für Qualität, Langlebigkeit und Regionalität. Mit meinem Thementag Manufakturen wollte ich genau diese Orte sichtbar machen. In den Gesprächen ging es vor allem um zwei Fragen: Wie können sich solche Betriebe ihre Räume gerade in zentraler Lage dauerhaft leisten? Steigende Gewerbemieten und fehlende Planungssicherheit sind für viele Manufakturen die größte Herausforderung und damit ein zentrales entscheidendes Thema für uns als Politik. Außerdem: Wie kann die Nachfolge aussehen, wenn die Inhaber*innen in den Ruhestand gehen?
Wie verändern steigende Mieten die Vielfalt von Kunst und Handwerk in Berlin-Mitte?
Meine erste Station war das Schmuckwerk Berlin. Auf wenigen Quadratmetern vereinen sich hier Werkstatt, Verkaufsraum und Lager. Inhaberin Sabine Dubbers ist seit den Anfängen in den Hackeschen Höfen dabei und erzählte mir, wie stark sich der einst so vielfältige Standort über die Jahre verändert hat. Viele kleine Galerien, Theater und Werkstätten konnten sich die gestiegenen Mieten in zentraler Lage nicht mehr leisten und wurden verdrängt. Besonders beeindruckt hat mich, mit wie viel Ausdauer und Leidenschaft Sabine Dubbers ihren Betrieb geführt und gleichzeitig als Alleinerziehende drei Kinder großgezogen hat. Heute kommen weitere Herausforderungen hinzu, etwa stark gestiegene Materialpreise, insbesondere für Gold.
Wie sichern wir handwerkliches Wissen für kommende Generationen?
Anschließend habe ich die kolbe&stecher Bonbonmanufaktur besucht, die seit über 25 Jahren in den Heckmann-Höfen ansässig ist. Im Austausch mit den beiden Inhaber*innen wurde spürbar, mit wie viel Herzblut sie diesen Betrieb führen. In der offenen Küche konnte ich direkt bei der Herstellung zusehen – ein echter Hingucker. Die Arbeit basiert auf jahrzehntealten Originalrezepturen und Maschinen, darunter die klassischen Berliner Waldmeister-Blätter. Dieses Wissen ist ein richtiges Kulturgut, dessen ideeller Wert kaum zu beziffern ist. Umso deutlicher wurde die Sorge um die Zukunft: Eine Nachfolge zu finden ist schwierig, obwohl – oder gerade weil – so viel Erfahrung und Geschichte in diesem Betrieb steckt.
Was hält einen Kiez zusammen und welche Rolle spielt dabei das lokale Handwerk?
Meine letzte Station war die Schneiderei Goldene Hand in Alt-Moabit. Arzu Bayalan führt die Schneiderei seit 2003 weiter, das Handwerk hat sie von ihrer Mutter gelernt. Im Gespräch ging es viel um die Veränderungen im Kiez: In den vergangenen Jahren mussten einige Geschäfte schließen, die Nachbarschaft verändert sich spürbar. Arzu Bayalan hat sehr klar betont, wie wichtig eine Mischung im Viertel ist und dass dazu auch Dienstleistungen des täglichen Bedarfs gehören, die für viele Menschen selbstverständlich zum Alltag zählen. Besonders gefreut hat mich zu hören, dass gerade junge Menschen zunehmend Wert darauflegen, Kleidung reparieren zu lassen, statt sie wegzuwerfen. Der Besuch hat wieder mal deutlich gemacht, wie sehr solche Betriebe den Kiez zusammenhalten und wie wichtig es ist, dass sie auch künftig ihren Platz behalten können.
Manufakturen als wichtige Säule urbaner Wirtschaft
Dieser Thementag hat gezeigt: Manufakturen sind weit mehr als kleine Wirtschaftsbetriebe. Sie sind fest im Alltag verankert, prägen Nachbarschaften und stehen für eine nachhaltige, resiliente Stadtwirtschaft. Getragen werden sie von Menschen, die ihre Arbeit mit großer Hingabe machen und dabei täglich Ausdauer und Widerstandskraft beweisen müssen. Gleichzeitig arbeiten viele dieser Betriebe unter großem Druck – steigende Kosten, hohe Mieten und wenig Planungssicherheit bestimmen vielerorts den Arbeitsalltag.
Wenn Manufakturen auch in Zukunft ein selbstverständlicher Teil von Berlin-Mitte bleiben sollen, brauchen sie Raum, Planungssicherheit und verlässliche Perspektiven. Die Gespräche dieses Tages nehme ich mit in meine parlamentarische Arbeit als klaren Auftrag, diese oft übersehenen Orte urbaner Wirtschaft stärker in den politischen Fokus zu rücken.


